„Frühformen des Versicherungswesens gehen bis in das Mittelalter zurück“

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120 Jahre Versicherungsverband Österreich – eine Zeit voller Herausforderungen. Innovative Produkte, Digitalisierung und neue Risiken prägen die Zukunft. Im Gespräch mit Prof. Dr. Norman-Audenhove über Traditionen und Visionen.

Wie hat sich das Versicherungswesen in Österreich entwickelt?

Das Versicherungswesen hat in Österreich lange Tradition und geht teilweise bis in das Mittelalter zurück. Der Bedarf an Versicherungen von Brandschäden sowie Viehverlusten, aber auch Schäden an Leib und Leben durch Unfälle und Erkrankungen war gegeben. Anfangs erbrachten Zünfte, Gilden oder Unterstützungskassen entsprechende Leistungen. 1756 wurde die erste Versicherungs-Aktiengesellschaft in der Donaumonarchie gegründet. Im damals österreichischen, heute belgischen Antwerpen, durch ein Dekret Maria Theresias, die „Compagnie Royale des Assurances“.

Der VVO feiert heute sein 120-jähriges Bestehen. Welche Bedeutung hat der Verband für Österreich?

Am 5. Dezember 1899 – vor 120 Jahren – wurde der „Österreichisch-ungarische Verband der Privat-Versicherungsanstalten“ im 1. Bezirk in Wien offiziell registriert. Der Verband stellte eine Interessensvertretung dar, wie wir sie heute kennen – zur damaligen Zeit ein Meilenstein. Erstmals waren die Verbandsmitglieder Unternehmen selber und deren kaufmännische Interessen gebündelt.

“Wir haben in Krisenzeiten bereits bewiesen, dass wir ein Stabilisator der Wirtschaft sind!”

Generell ist die Versicherungswirtschaft eine sehr langfristig denkende Branche. Gründungsmitglieder des Verbandes sind auch heute noch erfolgreich tätig. Oft ist jahrhundertelange Tradition ein Kennzeichen unserer Mitgliedsunternehmen. Unsere Entscheidungen innerhalb der Unternehmen, wie auch die Verträge, die wir abschließen, sind auf Langfristigkeit ausgelegt. Somit haben wir auch in Krisenzeiten bereits bewiesen, dass wir ein Stabilisator der Wirtschaft sind.

Vor welchen Herausforderungen steht der Versicherungsverband heute und in der Zukunft?

Innovative Produkte, neue Risiken und Absicherungen dafür – für die kommenden Herausforderungen muss sich die Branche stark aufstellen und rüsten. Auch die Arbeit im europäischen Kontext wird immer wichtiger – da legislative Entscheidungen und Regulierung immer stärker im europäischen Kontext getroffen werden. Bereits 1953 hat der VVO für seine Branche entschieden, Gründungsmitglied eines europäischen Verbandes in Paris zu werden. Heute ist dieser Verband zeitgemäß in Brüssel und heißt Insurance Europe. Österreich nimmt die Interessen auf europäischer Ebene sehr stark wahr, wir stellen derzeit sogar den Präsidenten dieses Verbandes. Derzeit beschäftigen wir uns mit Themen wie Digitalisierung, Klimawandel und Naturkatastrophen, Vorsorge und neue Risiken. Gerade neue Technologien, gesellschaftliche wie auch demografische Veränderungen werden unsere Arbeit in Zukunft prägen.

Folder 120 Jahre Versicherungsverband pdf

Der Saal Boltenstern im VVO. Die Räumlichkeiten des österreichischen Versicherungsverbandes wurden 1953–1954 von Architekt Erich Boltenstern (1896–1991) eingerichtet. Der in unverfälschter Form erhaltene Saal Boltenstern ist ein wichtiger Zeitzeuge für die akribisch inszenierten Innenräume der fünfziger Jahre. Im Jahr 2005 wurde der nobel und zurückhaltend gestaltete Saal vorbildlich und stilgerecht restauriert. Foto: VVO
Die erste Adresse Das Palais Schwarzenberg ist das älteste und größte, aber bei weitem nicht das einzige hochherrschaftliche Haus am Platz. Hier residierten die Reichen und Mächtigen ihrer Zeit unweit des Belvedere – hier als Relief im Saal Bolten- stern des VVO abgebildet. Unter anderem bauten am Schwarzenbergplatz: Der Großhändler und Bankier Eduard Wiener von Welten, die Industriellenvereinigung, die Familie Pollack-Parnau, der Ölmillionär David Fanto, die französische Republik und – last not least – Erzherzog Ludwig Viktor, der jüngste Bruder des Kaisers Franz Joseph. Foto: VVO